"Dein Pferd ist der Spiegel deiner Seele.

Manchmal gefällt dir nicht was du darin siehst, manchmal aber doch."

                                                                                         Buck Brannaman  

 

 

Buck Brannaman Clinic 22.-24.11.2013 

 

Ich komme am Donnerstag Nachmittag an. Die Anlage, der Heinrichshof bei Köln, ist eine sehr große, moderne Aktivstallanlage. Großer Reitplatz, noch größere Halle. Sehr gut durchdachte Offenstallanlagen. Im Eingangsbereich zur Anlage wird gerade ein gigantisches Zelt für verschiedene Aussteller und Verkaufsstände aufgebaut. Daneben kleine und größere Imbisstände. Etwas weiter hinten steht ein Stallzelt für die Pferde der aktiven Reiter im Kurs. An einer langen und einer kurzen Seite der großen Reithalle sind Tribünen errichtet worden, sie bieten Platz für schätzungsweise 1200 Zuschauer. Wegen der unangenehmen Kälte werden die Tribünen mit Heißluft von unten beheizt.

 

Ich lade mein Pferd aus und bringe es ins Stallzelt wo ich direkt einige der Teilnehmer kennen lerne. Es geht international zu: Teilnehmer aus Irland, Belgien, Italien, Schweiz und natürlich aus Deutschland haben die teils sehr weite Anreise in Kauf genommen, um bei Buck zu reiten. Die meisten haben ein eigenes Pferd mitgebracht, einige haben Leihpferde aus einer nahe gelegenen Reitschule bekommen. Die Versorgung der Pferde ist klasse, viel Stroh und Heu in Top Qualität, Wasseranschluß direkt im Zelt.

 

Auf der Anlage herrscht hektisches Treiben, das sieht nach einer wirklich großen Sache aus. Nachdem ich im Hotel eingecheckt habe fahre ich wieder zum Heinrichshof. Ich sattle mein Pferd, unseren 7-jährigen Appaloosa Wallach Miracle in Jet Set. Er ist turniererfahren und stört sich kein Bischen an der Hektik um ihn herum. In der Halle wird gerade die Sound Anlage aufgebaut und die Sound Checks gemacht. Ich reite zu Reggae Musik. Cool, habe ich noch nie gemacht. 

Das macht Laune, besonders da es echt kalt und windig ist. Einige Teilnehmer kommen noch in die Halle, manche reiten, andere machen Bodenarbeit. Ich bewege mein Pferd locker und versorge es noch. Abends treffe ich mich mit einigen der Reiter zum gemeinsamen Abendessen.

 

Clinic Tag 1, Freitag

 

Auf dem Weg zum Stallzelt muss ich zwei Zugangskontrollen mit Sicherheitspersonal passieren und jedesmal meinen Teilnehmerpass zeigen. Das ganze Areal wurde eingezäunt. Vor dem Eingang stehen schon viele Zuschauer 

Schlange und warten auf Einlass.  Ich bin echt gespannt, was das heute wird. Ich hoffe nur, dass die Veranstaltung nicht zu einem Marketing Event a` la Monty Roberts verkommt, bei dem die Pferde und die Reiter ganz unten in der Prioritätenliste stehen. Ein etwas ungutes Gefühl beschleicht mich. Na gut. Mal sehen. Im Stallzelt liegt diese ziemliche Aufregung in der Luft. Alle sind bei ihren Pferden, putzen, satteln oder unterhalten sich. Buck kommt ins Zelt um sein Pferd anzuschauen und die Teilnehmer zu begrüßen. Er ist es wirklich. Kaum zu glauben, zumindest für mich. Er ist freundlich und nicht gut im Small Talk. Das macht ihn auf Anhieb sympatisch. Er begrüßt jeden einzeln mit Handschlag. Ich kann es kaum glauben. Sooooooooooooooo lange habe ich auf diesen Moment gewartet. Begleitet wird er von seiner Frau Mary und Caroline Hunt, die Witwe von Buck´s „Lehrer“ und Mentor Ray Hunt. Leider ist Buck schnell wieder verschwunden. Ok, es ist sowieso Zeit zum Satteln und in die Halle gehen.

 

Wir versammeln uns alle in der Halle mit gesattelten, aber nicht aufgetrensten, Pferden. Jedes Pferd hat ein Seilhalfter mit Bodenarbeitsseil an. Insgesamt 19 Pferde sind jetzt in der Halle, plus Buck mit einem Pferd. Die Zuschauertribünen sind ungefähr zur Hälfte besetzt. Mehrere Personen, unter anderem Peter Kreinberg, begrüßen die Reiter, die Zuschauer und Buck in deutsch und englisch, eine Country Sängerin singt zwei Lieder (da wissen wir noch nicht, dass sie das an allen drei Tagen nach jeder Pause tun wird!) und dann kommt endlich Buck in die Halle. Er wird mit begeistertem Applaus empfangen, wofür er sich mit einem kurzen, freundlichen Lächeln bedankt. Er lässt den Rummel über sich ergehen, ich glaube nicht, dass das seine Welt ist. Er hat einen ca. 1,70 Meter großen Hanoveraner Wallach dabei. Das Pferd ist total nervös und verängstigt. Das Pferd ist mit einem Western Sattel gesattelt, am Sattel hängt Buck´s Lasso. Nachdem alle außer den Teilnehmern und Buck (eeeeeendlich) die Halle verlassen haben beginnt der Kurs mit einer langen Erklärphase, zu der Buck uns im Kreis um sich herum aufgestellt hat. Er arbeitet am Boden mit dem Wallach, der nervös um ihn herum tänzelt. Dazu benutzt er sein Bodenarbeitsseil und seine Flagge. Er zeigt und erklärt, wie man das Pferd dazu bekommt, einen perfekten Zirkel um den Menschen herum zu laufen. Wir lernen die erste, aber extrem wichtige Lektion:
der Mensch bewegt die Füße des Pferdes und nicht umgekehrt.
Darum wird es die ganzen drei Tage gehen.  Der Mensch, ob im Sattel oder am Boden, bewegt und setzt die Füße seines Pferdes dahin, wo er sie gerade braucht. Nachdem der Wallach diesen perfekten Zirkel in beide Richtungen um Buck herum läuft zeigt er uns, wie man die Hinterhand aus dem Zirkel hinaustreten lässt („untrack the hind quarters“). Er zeigt und erklärt es noch ein paar Mal, dann schickt er uns los, die Übung nachmachen. Er schaut uns eine Weile zu, dann ruft er uns wieder in die Mitte zusammen, erklärt, was er an Fehlern gesehen hat und wie man diese korrigiert. Die Dolmetscherin macht einen fantastischen Job. Sie übersetzt fast wortgetreu, was bei Bucks langen Erklärungen echt nicht einfach ist. Dann schickt er uns wieder los. Wir arbeiten bis zur Mittagspause nur am Boden.

 

Nachdem Zirkel und Hinterhand rausschieben bei allen gut funktionieren zeigt er uns, wie man für eine halbe Wendung die Hinterhand nach außen verschiebt um dann die Vorhand für die zweite Hälfte der Drehung „durchzuschicken“. Viel Arbeit, für die wir tatsächlich auch bis zur Mittagspause brauchen. Einzelcoaching findet nicht statt. Buck erklärt immer und immer wieder, zeigt, wie die Übung aussehen soll und erklärt nochmal. Hat jemand eine Frage beantwortet er diese mit sehr viel Geduld und zeigt dabei meist mit seinem Pferd, was er gerade erklärt. Meine Bedenken hinsichtlich Marketing Event haben sich ganz schnell in Luft aufgelöst. Sobald er mit uns in der Halle ist und das Training beginnt ist er einfach nur Buck, der Cowboy aus Wyomig und der meiner Meinung nach der beste Pferde- und Menschentrainer der Welt. Im Kurs geht es ihm nur um Eines: das Leben für Pferd und Mensch besser zu machen. Er erklärt verständlich, kurz oder länger, je nachdem, was die Situation erfordert. Er hat einen trockenen Humor, und davon sehr viel. Falls jemand etwas nicht versteht oder die Übung gelingt nicht erklärt er immer wieder mit Engelsgeduld. Hält sich jemand nicht an seine Anweisungen oder gibt sich keine Mühe, vielleicht sogar zu Lasten des Pferdes, wird er stinksauer und echt deutlich. Gnadenlos ehrlich eben.  Nach der Mittagspause arbeiten wir kurz am Boden, dann trensen wir die Pferde auf und steigen in den Sattel. Buck erklärt uns, wie man die Übungen, die wir am Morgen geübt haben, vom Sattel aus hinbekommt. Und zwar so, dass das Pferd wiedererkennt, was es in der Bodenarbeit gelernt hat. Wir reiten auf dem Hufschlag, verschieben die Hinterhand, schicken die Vorhand durch. Wie reiten Schlangenlinien, biegen die Pferde um´s jeweils innere Bein. Wir üben am Nachgeben im Stand und später im Schritt („soft feel“). Buck ruft uns immer wieder in die Mitte und erklärt, was ihm aufgefallen ist, beantwortet Fragen, erklärt neue Übungen und reitet sie vor. Er ist hochkonzentriert und arbeitet auch immer wieder mit seinem Pferd. Buck erklärt sehr viel auch für´s Publikum während wir an den Übungen arbeiten. Eine sehr gute Freundin, Carina, sitzt im Publikum, sie schreibt alle drei Tage fleißig mit. Der erste Tag geht zu Ende, wir haben insgesamt fast 6 Stunden gearbeitet. Buck wird, sobald er die Halle verlässt, sofort von den vielen Fans in Beschlag genommen.

 

Er sitzt noch ewig lange in dem großen Zelt und signiert Bücher, gibt Autogramme und lässt sich fotografieren. Danach – ist er weg. Wir sind alle völlig platt und durchgefroren, versorgen unsere Pferde und verabreden uns zur Pizza beim Italiener.

 

Clinic Tag 2, Samstag

 

Es ist kalt, die Tribünen sind fast vollständig besetzt. Wir beginnen den Vormittag (nach 2 Country Songs) mit Bodenarbeit. Buck zeigt uns die „half circle exercise“, eine Übung, in der die Hinterhand nach außen verschoben und die Vorhand durchgeschickt wird, und das während der Mensch vorwärts geht. Das ist eine tolle Übung, sie beinhaltet Vor- und Hinterhanddrehung und Seitengänge. Und das vom Boden aus. Ich kriege es noch nicht mal annähernd hin. Die Anderen wohl auch nicht wirklich, jedenfalls gibt Buck uns die Übung als „homework“ auf. Danach erklärt uns Buck eine weiterführende Übung im Sattel, wir steigen alle auf die Pferde und üben los. Wir üben die Einheiten, die wir am Vortag gelernt haben, verfeinern, experimentieren, lernen und reiten. Wirklich toll ist, wie Buck immer wieder neue Übungen erklärt, die aber genau auf dem aufbauen, woran wir gerade gearbeitet haben. Wir verschieben die Hinterhand, schicken die Vorhand durch, arbeiten am „soft feel“, stoppen durch Becken abkippen und lassen die Pferde auf Zügel annehmen und loslassen rückwärts gehen. Buck fordert uns auf weniger starke Hilfen zu geben als wir glauben zu benötigen. Wenn das genügt, um das gewünschte Ergebnis zu erzielen: sehr gut. Wenn es nicht reicht, dann muss die Hilfe stärker erfolgen. „Allways offer the good deal first. If that isn´t enough do what is neccessary to get the job done“. Man kann wirklich zusehen, wie die Pferde immer „leichter“ werden, auf immer feinere Hilfen reagieren. Pferde und Reiter arbeiten hochkonzentriert. Wenn man bei Buck reitet vergisst man Zeit und Raum. Drei Stunden vergehen wie drei Minuten. Wieder Mittagspause.

 

Kaum ist das Training beendet ist Buck verschwunden. In der 1 Stunde Mittagspause bleibt kaum Zeit zum Essen. Wir satteln ab, geben Heu und Wasser, essen eine Kleinigkeit , satteln und stehen schon wieder in der Halle. Der Nachmittag beginnt wieder mit Bodenarbeit. Später arbeiten wir im Sattel an den offenen und engen Schlangenlinien, Kehrtvolten am langen Zügel oder versammelt. „Open serpentines, close serpentines“. Wir reiten im Schritt und im Trab, lassen die Pferde im Genick nachgeben, arbeiten an den Übergängen, Stops, an der Biegung. War ich am Freitag Abend noch etwas frustriert angesichts der vielen Übungen, von denen so wenige klappten, so bin ich am Samstag nach dem Training richtig glücklich. Die Übungen vom Vortag klappen super, die neuen Übungen ebenfalls. Na ja, alle außer den engen Schlangenlinien, „close serpentines“, die bringen mich echt zur Verzweiflung. Aber egal, auch das wird noch. Während des Trainings wollen zwei Reiterinnen aufgeben, sie kommen mit ihren Pferden nicht zu Recht und sind überfordert. Buck nimmt sich ihrer an und erklärt, reitet vor, versucht zu motivieren. Als sie doch vom Pferd steigen wird er sauer und sehr deutlich.

 

Kann ich verstehen. Würden sie tun, was er ihnen sagt, wären ihre Probleme gelöst. Ganz einfach und ohne Gewalt. Abends, nachdem ich mein Pferd versorgt habe, gehe ich mit Carina Pizza essen. Sie ist total begeistert von dem Kurs, von Buck, vor allem von seiner unglaublichen Erfahrung. Er hat für jedes Problem eine Lösung. Unglaublich.

 

 

Clinic Tag 3, Sonntag

 

Die Tribühnen sind wieder vollständig besetzt. Wir beginnen wieder mit Bodenarbeit. Im Sattel arbeiten wir wieder an allen Übungen, die wir Freitag und Samstag gelernt haben. Und nein, meine „close serpentines“ klappen immer noch nicht.

 

Ich reite zu Buck in die Mitte und frage ihn. Er erklärt mir nochmal genau die Hilfen, den Bewegungsablauf und reitet vor. Ich erkenne, dass mein inneres Bein nicht genug am Pferd war. Ok, inneres Bein dran. Und siehe da: es klappt. Da kein Einzelcoaching stattfindet muss ich als Reiter selbst fühlen, ob ich das Ergebnis erreiche, das ich mit der Übung suche. Ich denke, das ist für einige in der Gruppe nicht ganz einfach. Wir haben aber zu jeder Zeit, auch während der Übungseinheiten, die Möglichkeit zu fragen. Buck erwartet von uns konzentriertes und konsequentes arbeiten. Dafür ist er aber auch zu jeder Zeit bereit, alles nochmal zu erklären. Und nochmal. Und nochmal. Nach der Mittagspause und einer kurzen Einheit Bodenarbeit steigen wir in den Sattel. Buck ruft nun das komplette Programm ab, alle Übungen, die wir an den drei Tagen gemacht haben. Nicht in einer bestimmten Reihenfolge sondern völlig durcheinander. Die Pferde haben sich verändert. Die Reiter auch. Es ist toll anzusehen, wie leicht sich die Pferde jetzt bewegen. Die Reiter geben Hilfen, die die Pferde verstehen, die für die Pferde Sinn machen. Das sieht man. Und das fühlt man. Wir arbeiten im Schritt, Trab und wer es sich zutraut auch im Galopp. Dann stellt Buck die komplette Gruppe in die Mitte, zwei aus der Gruppe bilden jeweils ein Team. Ein Reiter ist die Kuh, der andere der Cowboy. Die Kuh versucht, zur Herde (das sind alle Pferde, die noch in der Mitte stehen) zu gelangen, der Cowboy hindert sie daran. Wir haben einen riesigen Spaß, manche reiten im Trab, andere im Galopp. Egal wie, alle Pferde stoppen auf der Hinterhand, drehen schwungvoll, gehen toll rückwärts, reagieren spontan auf die leichtesten Hilfen. Nach wiederum drei Stunden ist auch der Sonntag zu Ende. Leider. Wir verabschieden uns in der Halle noch von Buck bevor er von den Massen verschlungen wird.

 

Ich habe schon einige Kurse mitgemacht und bin bei verschiedenen Trainern geritten. Bei Guten, sehr Guten, super Guten. Auch bei Schlechten, da aber zum Glück nur ganz kurz.

Für Buck fällt mir keine Superlative ein, die diesem Mann gerecht würde.

Es war das beste, was mir in meinem Pferdeleben bisher passiert ist. Ich habe in diesen drei Tagen unglaublich viel gelernt. Vor allem nachhaltig gelernt. Ich bin glücklich dass ich die Gelegenheit hatte, bei diesem Horseman zu reiten.

Ich weiß, es hört sich pathetisch an, aber dennoch, es ist die Wahrheit:
Dieses Wochenende mit Buck hat mein Leben verändert.

Fotos mit freundlicher Genehmigung von Karin Thümler. Vielen Dank.